Gesunder Menschenverstand schützt mehr als eine Corona-Warn-App

Corona Pandemie. Seit Monaten hat die Corona Pandemie unser Leben weitgehend im Griff. Jetzt fordern Politiker massiv auf, die von der Bundesregierung herausgegebene Corona Warn App auf das Smartphone zu installieren und Kontaktdaten mit anderen zu teilen. Doch die App wirft neben ihrem Nutzen auch Fragen auf. Bedenkenlos sollte niemand eine App benutzen, die persönliche Kontaktdaten sammelt.

Monatelang wurde unser Leben durch Hygiene- und Abstandsregeln eingeschränkt, seit die Pandemie auch hierzulande ausgebrochen ist. Unsere Kontakte sollten wir auf ein Mindestmaß reduzieren, um das Infektionsrisiko zu minimieren. Mit Stoffmasken, die man über Mund und Nase trägt, sollte bei Einkauf und beim Nahkontakt mit anderen diese Gefahr weiter verringert werden. Kindergärten und Schulen wurden geschlossen, die Arbeit ins Homeoffice verlegt, geschäftliche Meetings per Videokonferenz abgewickelt.

Die Abstands- und Hygieneregeln wurden weitgehend von der Bevölkerung befolgt, die Pandemie erfolgreich zurückgedrängt. Bei uns im Landkreis Vechta werden kaum noch Neuinfektionen registriert und es gibt laut offiziellen Pressemeldungen nur noch punktuell aktiv am Coronavirus erkrankte Personen. Damit das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben mehr und mehr in Gang gesetzt werden kann, sollen die Kontaktbeschränkungen Schritt für Schritt aufgehoben werden. Das wird aber zu einer wachsenden Infektionsgefahr führen. Mit der Entwicklung der Corona Warn App hofft man nun, Infektionsketten schneller brechen zu können. Potentiell infizierte Personen werden informiert, wenn eine an dem Virus infizierte Person dies in seiner Warn-App einträgt. Man hofft, dass diese Personen sich unmittelbar danach einem Corona-Test unterziehen.

Hierin liegt die größte Schwäche in dem Warnsystem, denn es beruht auf eine aktive Mitarbeit aller beteiligten Personen. Damit das Warnsystem überhaupt funktioniert, müssen möglichst viele die App installiert und aktiv freigeschaltet haben. Ihr Handy muss die Bluetooth-Funktion aktiviert haben. Derzeit können Nutzer älterer Handys die Warn-App gar nicht installieren. Damit entfällt schon ein großes Potential an Teilnehmern. Eine große Zahl an Personen mit hohem Infektionsrisiko werden die App möglicherweise gar nicht nutzen oder Warnhinweisen nicht folgen, etwa um sich der drohenden Quarantäne zu entziehen. Zum Beispiel Menschen, die sich schon durch die bisherigen Abstands- und Hygieneregeln gegängelt fühlen. Das sind mehr Menschen, als man glaubt!

Weitere Schwächen liegen in technischen Problemen der App. Mithilfe der Bluetooth Funktion können Handys angegriffen werden, auch Bewegungsprofile sollen sich laut Berichten erstellen lassen. Der bekannte Virologe Kekule berichtet in seinem Podcast, dass auch Fehlalarme möglich seien, etwa wenn Geräte sich untereinander Kontaktinformationen austauschen, deren Benutzer durch eine Wand getrennt sind. Gesundheitsminister Spahn konterte auf einer Pressekonferenz diese Einwände damit, besser zu viele auf Corona testen zu lassen als zu wenige. Da frage ich mich allerdings, warum es bis vor kurzer Zeit nicht möglich war, ohne Grund sich freiwillig einem Test unterziehen zu können. Stattdessen sollen die Leute ihre Kontakte nun von einer Warn-App überwachen lassen.

Dennoch kann die Warn-App in bestimmten Situationen durchaus sinnvoll sein. Zum Beispiel auf einer Reise im Zug, Bus oder Flugzeug. Dort sitzt man mit unbekannten Personen häufig sehr nahe zusammen. Oder in einem Konzertsaal oder Kino. Auch an bestimmten Arbeitsplätzen mit starkem Publikumsverkehr könnte eine Warn-App potentiell infizierte Personen benachrichtigen, wenn zum Beispiel bei einer Kundin oder bei einem Kollegen im Nachherein die Infektion diagnostiziert wurde.

Wie bei allen anderen Anwendungen sollte aber der Nutzer auch mit der Corona Warn App sorgfältig umgehen. Der Datenzugriff der App lässt sich problemlos mit der Deaktivierung der Bluetooth-Funktion unterbrechen. Wer nicht längere Zeit in unmittelbarer Nähe zu anderen Personen ist, braucht die Warnfunktion nicht. Zum Beispiel beim Einkauf im Supermarkt, es sei denn, er steht dort längere Zeit an der Kasse. Im eigenen Haus benötigt auch niemand die Warn-Funktion. Im Cafe, im Zug oder bei einem Vortrag hingegen kann die Warnfunktion durchaus sinnvoll sein. Ähnlich wie bei der Standortfunktion kann man durchaus selbst mitbestimmen, welche Daten Dienste sammeln können oder nicht. Bedenkenlos sollte man keinen Dienst nutzen, der Daten sammelt und teilt.

Fazit: Die Nutzung der Warn App ist kann sinnvoll sein, besonders, wenn man häufig im Nahkontakt mit vielen anderen Menschen ist. Ihre größte Schwäche besteht aber darin, dass sie auf die aktive Mitarbeit aller Teilnehmer beruht. Daher schützt sie niemand vor der Gefahr, sich mit dem Coronavirus zu infizieren. Das Coronavirus interessiert es nicht, ob eine Person die App nutzt oder nicht. Wirklich schützen kann sich nur der, der die bekannten Hygiene- und Abstandsregeln befolgt. Wer eine Technik oder einen Dienst nutzt, muss immer auch Sicherheitslücken kennen und berücksichtigen. Gesunder Menschenverstand schützt also mehr als eine Warn-App.

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