Die Verkehrswende muss vom ländlichen Raum her gedacht werden!

Verkehrswende. Eine Welt ohne Auto! Oder mit weitaus weniger Autos. Gestoßen bin ich auf das Thema durch Katja Diehl: Sie fordert die Abkehr von einem autozentrierten Verkehr, eine entschleunigte Stadt ohne Autos. Die Autokorrektur! Als jemand, der auf dem Land lebt, sage ich, dass das Thema oft am falschen Ende aufgezogen wird. Wo dominiert das Auto am meisten, in der Stadt oder auf dem Land? Man könnte meinen, in den Großstädten und Ballungsräumen. Im Ruhrgebiet oder in Städten wie Berlin, Hamburg oder München, wo die Autos im Dauerstau stecken bleiben. Bezieht man die Autodichte auf die Einwohnerzahl, so dominiert das Auto auf dem Land aber weitaus mehr als in der Stadt.

Ohne Auto läuft auf dem Land gar nichts

Wer in der Stadt lebt, der hat in der Regel gute Alternativen zum Auto. Viele Wege können zu Fuß oder mit dem Fahrrad erledigt werden. Ganz anders ist das auf dem Land. Wer, wie ich, im Oldenburger Münsterland lebt, der ist ohne das Auto vollkommen aufgeschmissen. Es gibt kaum Alternativen zum Auto. Ja, ganz stolz ist man hierzulande, dass fast jede Kreisstraße mit einem schmalen Radwegstreifen ausgestattet ist, auf dem sich zwei Ebikefahrer aber besser nur langsam und vorsichtig begegnen sollten. Und seit kurzer Zeit gibt es bei uns im Oldenburger Münsterland den Moobil+ Bus. Ein Anrufbus, mit dem man sich am Werktag über von morgens bis abends in die Kreisstadt bringen lassen kann, wenn man sich eine Stunde vorher angemeldet hat. Die Fahrt in ein Nachbardorf oder eine andere Gemeinde im Kreis wird noch komplizierter. Für die Hin- und Rückfahrt braucht man einen ganzen Vormittag. Und nachts sowie am Wochenende gibt es bei uns in Südoldenburg gar keinen ÖPNV. Rad und Bus sind also keine Alternative zum eigenen Auto sondern allenfalls eine Ergänzung. Für gute Radwegverbindungen haben wir Südoldenburger laut gestritten. Unsere Forderungen nach besseren öffentlichen Verkehrsmitteln sind dagegen verdammt leise. Wir haben schließlich unser eigenes Ebike und unser eigenes Auto. Ich fahre im Jahr ein paar hundert Kilometer mit meinem Bike. Und an die 20.000 km mit meinem Elektroauto!

Das Taxi ist für viele unbezahlbar

Wer kein Auto hat, dem bleibt auf dem Land oft nur das Taxi. Eine einfache Fahrt zum nächsten Fernbahnhof nach Diepholz kostet 50 Euro, zum Bahnhof zur Regionalbahn in der Kreisstadt Vechta kostet das Taxi ca. 25 Euro. Mit der regionalen Nordwestbahn kann man nach Bremen oder Osnabrück bummeln. In deutlich kürzerer Zeit erreicht man beide Städte über die Autobahn mit dem eigenen Auto. Die Folge ist, dass niemand auf die Idee kommen würde, statt mit dem Auto mit Bus und Bahn zu fahren. Jeder braucht ein Auto und hat ein Auto. Und so bleiben Bus und Bahn zwangsläufig unrentabel auf dem Land. Viele Ziele sind auf dem Land ohne eigenes Auto schlecht oder gar nicht erreichbar: Bahnhöfe, Krankenhäuser, Facharztpraxen. Das ist eigentlich ein Skandal, wenn man diese Orte nur mit einem Taxi erreichen kann.

Viele Familien haben nicht nur ein Auto sondern drei Autos

Kaum eine Region ist so eine Auto-Bastion wie das Oldenburger Münsterland, wo ich wohne. Weil es ohne Auto nicht geht, hat hier fast jeder ein Auto, sobald er ein eigenes Einkommen verdient. Egal, wie hoch der Verdienst ist. Zur Not eine billige Schüssel, die irgendwie läuft. Und eine Familie kommt mit einem Auto gar nicht aus, sondern benötigt zwei oder gar drei Autos. Eines für den Mann und eines für die Frau. Das Auto wird für die Fahrt zur Arbeit benötigt. Die Kinder müssen zur Schule, zu ihren Freunden im Nachbardorf, zum Training etc gefahren werden. Wer spontan einen Ausflug unternehmen möchte, kommt um das Auto gar nicht herum! Von Vechta eben an die Nordseeküste nach Schillig zum Campingplatz fahren? Mit dem Auto sind das anderthalb Stunden Fahrt. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln kommt man gar nicht erst hin. Denn es fehlt nicht nur vor Ort sondern oft auch am Reiseziel ein gut ausgebautes öffentliches Verkehrssystem, welches auch nur ansatzweise mit dem eigenen Auto konkurrieren könnte.

Wer weniger Autos möchte, muss für attraktive Alternativen sorgen

Wenn man weniger Autos in der Stadt möchte, sollte man mit alternativen Verkehrsangeboten auf dem Land anfangen. Wir brauchen ein schnelles und verlässliches Bahnsystem, das Stadt und Land miteinander vernetzt. Wir brauchen preiswerte öffentliche Verkehrsangebote, die jeden Ort zu jeder Zeit gut erreichbar machen. So können viele Wege schnell und sicher ohne Auto erreicht werden. Wenn ich jeden Ort zumindest genauso schnell und bequem mit dem öffentlichen Verkehrsmittel erreichen kann, bin ich schon eher bereit, auf mein Zweit- oder Drittauto zu verzichten. Verstärkt wird die Bereitschaft, wenn nicht mehr jedes Ziel bequem mit dem Auto erreichbar ist. Beispiel: In Osnabrück gibt es den Bahnhof Altstadt. Wenn ich die Altstatt mit dem Bus und Zug besser als mit dem eigenen Auto erreichen kann, dann werden Bahn und Bus für mich eine gute Alternative zum eigenen Auto. Wenn ich mit Bus und Bahn doppelt so lange brauche, greife ich lieber zum eigenen Auto.

Die Verkehrswende ist auch eine Preisfrage

Autofahren ist teuer! Bus- und Bahn fahren ist aber in den Augen der meisten Leute noch viel teurer. Dass schon die Anschaffung eines Autos viel Geld gekostet hat, fällt dabei oft unter dem Teppich. Und wenn das Auto schon mal in der Garage steht, dann benutzt man es auch, solange die Fahrt mit der Bahn nicht viel günstiger ist als der Sprit und die Gebühr im Parkhaus. Viele zahlen sogar gerne noch ein wenig mehr, wenn sie dafür im eigenen Auto in erster Klasse reisen können. Anders ist es, wenn man täglich pendeln muss und die Arbeitsstätte genauso schnell mit der Bahn und / oder dem E-Bike erreichen kann. So gesehen wäre die vielgescholtene Mautgebühr gar nicht so fehl am Platz gewesen. Sie hätte den Trend zum Umstieg auf alternative Verkehrsmittel sicher verstärkt. Steigende Spritpreise, Mautgebühren sowie teurere Autos könnten ebenfalls zum Umdenken führen. Vorausgesetzt, es gibt die Alternative zum Auto!

Die Lokalpolitiker auf dem Land sollten rechtzeitig umdenken

Behält das Auto die Dominanz, die es derzeit hat? Das ist gar nicht mehr sicher. Immer mehr Städter wollen das Auto aus ihrer Stadt verbannen. Der Ruf nach einer autofreien Stadt wird lauter. Das heißt auch für Menschen auf dem Land, dass sie nicht mehr jedes Ziel mit dem Auto erreichen werden können. Immer mehr Politiker wollen die Verkehrswende durchsetzen. Das bedeutet, dass die Lokalpolitiker verstärkt dafür einsetzen sollten, dass der ländliche Raum nicht von Bus und Bahn abgehängt bleibt. Sonst passiert das gleiche Drama wie bei der Versorgung mit Mobilfunk und Breitband Internet. Eine wirtschaftliche Zukunft auf dem Land gibt es nur mit einem attraktiven öffentlichen Verkehrssystem rund um die Uhr. Das gehört zur Daseinsfürsorge für den ländlichen Raum. Bleibt zu hoffen, dass die hiesigen Politiker nicht den Zug der Zeit verpassen. Speziell für das Oldenburger Münsterland bedeutet das den Ausbau eines schnellen, zweigleisigen und elektrifiziertes Bahnnetzes mit guten Verbindungen zum Fernbahnnetz, öffentliche Verkehrsangebote rund um die Uhr, auch am Wochenende. Um den Slogan, der von hiesigen Politikern derzeit für den Ausbau des Breitbandnetzes gerne bemüht wird: Wir brauchen schnelle Bus- und Bahnverbindungen bis zur letzten Milchkanne!

Foto: Die Autobahn gilt als Symbol der automobilen Mobilität. Sie hat großen Raum. Während die Autobahn A1 sechs Fahrstreifen hat, hat die NordWestBahn im Oldenburger Münsterland gerade mal ein Gleis.