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Schlagwort: Verkehrswende

Die Verkehrswende braucht sicherere Bahnhöfe

Im letzten Beitrag habe ich noch geschrieben, dass ich mir überlege, das Deutschlandticket zu holen. Gestern war ich mit dem Niedersachsenticket und der Bahn unterwegs auf einer Tagestour nach Hamburg. Es hat alles sehr gut geklappt. Für 25 Euro nach Hamburg und zurück und die Möglichkeit, das Angebot der Hamburger Verkehrsbetriebe zu nutzen, sind super. Damit ist man sehr mobil und braucht sich um die Anreise und Abreise kaum zu kümmern, vorausgesetzt, die Züge fahren auch wirklich.

Im Nahverkehr dauert es mit dem Metronom, der stündlich fährt, nur etwas länger als mit den Schnellzügen. Innerhalb Hamburg ist fast jedes Ziel mit öffentlichen Verkehrsmittel bequem erreichbar, das alles ist im Deutschlandticket bzw. Niedersachsenticket inklusive. Mit dem ICE von Bremen nach Hamburg braucht man fast genauso lang und fährt nach Hamburg kaum schneller. Der Preis für die Bahn von Vechta nach Hamburg und zurück beträgt schon mit 55 Euro alleine mehr als das Deutschlandticket, man hat Zugbindung und kann keinen ÖPNV in Hamburg nutzen (Außer bei der An- und Abreise).

Der einzige Haken sind die Bahnhöfe. Vor kurzer Zeit wurde über die Kriminalität in den Bahnhöfen berichtet. Man fühlt sich auf einem Bahnhof nicht sicher. Ich wurde auf den Bahnhöfen in Bremen und Hamburg vielfach direkt um Geld angebettelt und von Unbekannten angesprochen. „Können Sie mir mit 80 Cent helfen?“ Der nächste Schritt ist, dass man jederzeit bestohlen werden kann. Ich wurde nicht nur von jungen Männern angebettelt, die auf mich als durchaus arbeitsfähig wirkten, sondern auch von mehreren Frauen. Eine Frau behauptete, sie habe zwei Kinder und benötige Geld zum Essen, auch für ihre Kinder. Ich gab ihr fünf Euro. Einer anderen gab ich 2,80 Euro für die Straßenbahn. Im Nachherein denke ich, dass dies keine gute Idee war. Schon das Öffnen des Portemonnaies und eine Ablenkung kann eine Diebstahlsfalle sein.

Auf jeden Fall schrecken solche Erlebnisse von der Benutzung öffentlicher Verkehrsangebote ab, vor allen Frauen und ältere Menschen! Das ist auch ein Problem für die Verkehrswende. Will man die Leute motivieren, statt das Auto die Bahn zu benutzen, muss man die Sicherheit und den Schutz vor Belästigung auf Bahnhöfen deutlich verbessern. Sonst benutzen die Leute lieber ihre SUV Panzer, die ihnen vor unangenehmen Erlebnissen Schutz bieten.

Deutschlandticket auf dem Land?

Seit ein paar Tagen denke ich darüber nach, ob ich das Deutschlandticket doch einmal ausprobiere. Auf die Idee hat mich ein Bakumer Ehepaar gebracht, das mit dem 9-Euro-Ticket auf den Geschmack kam und das 49-Euro-Ticket rege weiter benutzt. Wenn ich das Paar treffe, berichten mir die beiden begeistert, was sie schon mit dem Deutschlandticket alles erfahren und erlebt haben. Das hat mich neugierig gemacht.

Eigentlich lohnt sich das Deutschlandticket bei uns im Kreis Vechta nicht. Denn es gibt hier keinen attraktiven Nahverkehr. Das Bundesland Niedersachsen hat den drittschlechtesten ÖPNV, und Vechta ist, was das Verkehrsangebot angeht, in den hinteren Rängen Niedersachsens. Ohne Auto ist man hier hoffnungslos aufgeschmissen.

Seit kurzer Zeit gibt es zwar auch im Kreis Vechta neben den selten fahrenden Regio-Bussen einen Anrufbuss. Er fährt seit kurzer Zeit mehrmals am Werktag zwischen Vechta, Cloppenburg und meinem Wohnort, aber benutzt habe ich ihn nur selten. Der Anrufbus fährt allenfalls stündlich, und man muss die Fahrt eine Stunde vor Fahrtbeginn per App oder Telefon bestellen. Abends und am Wochenende fährt der Anrufbus nicht. Die Benutzung muss also wohlüberlegt geplant werden, spontan sich für den Bus entscheiden, ist nicht möglich. Oft ist man schneller mit dem Rad am Ziel. Das Taxi nach Vechta kostet 25 Euro, nach Cloppenburg wohl das Doppelte, ist also auch nur im Ausnahmefall eine Alternative.

Die Nordwestbahn fährt von Vechta oder Cloppenburg nach Oldenburg, Bremen oder Osnabrück. Die Fahrt von und nach Bremen oder Osnabrück dauert mindestens eine, eher zwei Stunden, denn man muss ja auch immer zum Bahnhof, wenn man mit dem Zug fahren will. Bahn und Bus dauern deshalb immer länger als eine Autofahrt. Das sind die Nachteile des lokalen ÖPNV.

Attraktiv wird das Deutschlandticket dagegen zum Beispiel für Tagestouren in die Städte. Man erspart sich die stressige Autofahrt nach und innerhalb von Bremen, Hamburg oder Hannover, kann überall Bus, U-Bahn und S-Bahn benutzen, die mühselige Parkplatzsuche entfällt ebenfalls. In Städten kann man sich so sehr flexibel mit dem dort gut ausgebauten ÖPNV bewegen, ohne sich darum kümmern zu müssen, das Auto mitzunehmen.

Mit dem Klapprad kann man aber auch auf dem Land entlang der Nordwestbahn an einem Punkt aussteigen und am anderen Punkt wieder einsteigen. Auch das finde ich interessant. Ich habe letztens eine tolle Radtour bis nach Rechterfeld gemacht und bin mit der Bahn zurück nach Vechta gefahren. Vom Bahnhof nach Hause fuhr ich dann wieder mit dem Rad.

Übrigens, mit dem Deutschlandticket kann man sogar den Anrufbus bei uns im Landkreis benutzen. Mit einer Flatrate im Nahverkehr braucht man sich keine Gedanken mehr über Tickets machen. Einfach einsteigen und losfahren. Und von einem anderen Punkt wieder nach Hause fahren.

Ein weiterer Grund, sich das Deutschlandticket zu gönnen: Wenn man schon die Möglichkeit hat, jederzeit in einen Bus oder eine Bahn zusteigen, vielleicht ist man dann etwas mobiler und öfters unterwegs. So ein Deutschlandticket motiviert, Verkehrsangebote auch zu nutzen. Sollte dies nicht der Fall sein, kann man es auch monatlich wieder kündigen.

Last but not least ist die Nutzung des Nahverkehrs auf dem Land auch ein bisschen Abenteuer. So ähnlich wie Interrail fahren in der Abiturientenzeit. Komme ich, wie geplant, am Ziel an? Wenn mehr Menschen den Nahverkehr nutzen würde, würde er vielleicht auch mehr ausgebaut. Und muss es umgekehrt heißen: Nur wenn es seinen besseren Nahverkehr gibt, wird man auch mehr Menschen in die Busse und Bahnen locken. Das Fazit fällt zu diesem Thema etwas schwierig aus.

Mit oder ohne Rad und dem Deutschlandticket in die große Welt? Bildbeschreibung: ein älterer Mann mit Brille und roter Outdoorjacke und einem zusammengefalteten Faltrad an einem Bahnsteig.

Bilanz: Drei Monate ohne Auto in Südoldenburg

Mobilität. Meine autofreie Zeit ist zu Ende. Meinen Nachbarn ist es längst wieder aufgefallen, dass mein Carport nicht mehr leer ist. Seit ein paar Tagen steht ein VW ID.3 drin, einen zwei Jahre alter Vorführwagen, den ich von einem Autohaus in der Region gekauft habe. Die Abwicklung war sehr unkompliziert. Ein Mitarbeiter brachte mir das Auto nach Bakum, ich entschloss mich zum Kauf, wenige Tage später konnte ich das Auto beim Straßenverkehrsamt anmelden und noch am gleichen Tag wurde mir das Fahrzeug ausgeliefert. Besser geht es nicht!

Mein altes Auto hatte ich im November nach einem Verkehrsunfall und Totalschaden verloren. Von einem Tag auf dem anderen musste ich mich daran gewöhnen, ohne Auto auszukommen. Alternativ konnte ich nur noch zu Fuß gehen, mit dem Rad fahren, den Anrufbus Moobil+ und die NordWestBahn benutzen oder teuer mit dem Taxi fahren. Beispiel: Eine einfache Fahrt von Bakum nach Vechta (ca. 8 Kilometer) kostet mit dem Taxi 25 Euro, die gleiche Distanz von Bakum nach Lüsche kostet mit dem Taxi ebenfalls so viel. Erheblich günstiger geht es mit de Moobil+ Anrufbus (3 Euro). Der fährt aber nur werktags zwischen 7 und 19 Uhr. Außerhalb und besonders am Wochenende gibt es keinen ÖPNV. Dann bleibt einem nur noch als wichtigstes Verkehrsmittel das Fahrrad.

Ich bin noch nie so viel mit dem Rad in die Stadt gependelt wie in diesen drei „autofreien“ Monaten. Selbst gegen schlechtes Wetter hilft eine Regenhose und ein Regenüberzug über dem Fahrradhelm, den man dann gerne benutzt. Warme Fahrradhandschuhe und natürlich eine regen- und winddichte Jacke sind im Winter ein Muss! Allerdings, bei unter fünf Grad Celsius Temperatur und steifem Westwind macht die Radtour über den Esch auch mit dieser Ausrüstung kein Vergnügen, selbst wenn dies Fanatiker der Fahrradszene immer wieder behaupten. Mit dem Rad im Winter zur Arbeit ist nur etwas für hartgesottene Zeitgenossen. Ich bleibe dann lieber zuhause oder nehme mir dann Notfalls sogar das Taxi, wenn es nicht anders geht.

Wenn man kein Auto hat, muss man mit dieser Situation schon kreativ umgehen, wenn man nicht „nur“ zuhause bleiben möchte. Ich bin in der Weihnachtszeit mit dem Rad zum Vechtaer Bahnhof gefahren und von dort aus eine Fahrt zum Osnabrücker Weihnachtsmarkt zu unternehmen. Auch fuhr ich von Bakum aus mit Moobil+, NordWestBahn und Deutsche Bahn nach Berlin. Auf der Rücktour musste ich statt Bus ein Taxi nehmen, es war Sonntag. So lange man Richtung Osnabrück oder Bremen fahren will, kann man von Vechta aus mit der NordWestBahn fahren, es sei denn, sie fällt wieder mal aus. Meist heißt es bei einem Ausfall, dass es keinen Schienenersatzverkehr gibt und man hat dann ein Problem. Kompliziert wird es, wenn man von Bakum aus nach Diepholz fahren möchte. Dann bleibt einem nur die Möglichkeit, für die Hin- und Rückfahrt 100 Euro fürs Taxi auszugeben.

Unvergesslich bleibt für mich die Fahrt von Bakum nach Oldenburg, um dort einen notwendigen Arzttermin zu erledigen. Los ging’s morgens um 8 Uhr vom Bakumer Rathaus mit dem Moobil+ Bus, der für die 18 Kilometer eine Stunde Zeit brauchte. Von dort aus ging es mit der NordWestBahn in wenigen Minuten in die Huntemetropole. Die NordWestBahn fährt wesentlich schneller als auf der Linie Osnabrück – Vechta – Bremen, wo sie nur mit Tempo 70 bis 80 durch die unbeschrankte Landschaft dümpelt. Die Rückfahrt nach meinem Arzttermin von Oldenburg aus war allerdings sehr aufregend. Mit der NordWestBahn ging die Fahrt zunächst wie gewohnt schnell bis nach Cloppenburg. Auf der Moobil+ Rückfahrt von Cloppenburg nach Bakum brauchte die Fahrerin trotz mehreren Stopps nur die halbe Zeit wie am Morgen, obwohl sie diesmal den Umweg über Elsten fuhr. Nach der Fahrt gratulierte ich der Fahrerin für ihre Leistung, sie war sicher aber äußerst rasant gefahren.

Ohne Auto muss man viel Zeit einplanen, wenn man irgendwohin möchte. Der Anrufbus fährt nur stündlich zwischen Vechta, Bakum und Cloppenburg und muss mindestens eine Stunde vor Fahrbeginn gebucht werden. In der Regel geht es mit dem Fahrrad nach Vechta schneller und flexibler, wenn es das Wetter zulässt. Auch für die Fahrt weiter weg muss man immer die Abfahrtzeiten und die Fahrtzeit bis zum Bahnhof einplanen. Am Wochenende ist man bei schlechten Witterungsverhältnissen ohne Auto ziemlich aufgeschmissen. Dann bleibt einem nur das Taxi.

Ganz bewusst habe ich eine weitere Möglichkeit ausgelassen: Die Unterstützung durch Freunde oder Familienmitglieder. Viele Menschen ohne eigenes Auto werden auf dem Land von Angehörigen und Freunden mit dem Auto mitgenommen oder sogar auf Wunsch gefahren. Auch diese Möglichkeit habe ich ein paar Male genutzt. Aber letztendlich ist dies keine Alternative zu einer selbstbestimmten Mobilität. Auf Dauer ist mobile Unabhängigkeit derzeit auf dem Land nur mit einem eigenen Auto möglich. Bestimmte Reiseziele lassen sich ohne Auto gar nicht erreichen. Schon eine Hin- und Rückfahrt von Bakum in den Nachbarort Dinklage (13 km) oder nach Langförden (8 km) wird mit ÖPNV zu einer Tagesreise.

Damit sich dies ändert, muss das öffentliche Verkehrsangebot dringend verbessert werden. Gerade angesichts der demografischen Entwicklung im ländlichen Raum wird der Ausbau eines flächendeckenden Angebots über 24 Stunden an sieben Tagen die Woche. Das wird natürlich nicht mit einem veralteten relativ starren Linienbus-Angebot möglich sein sondern nur mit modernen digitalen On-Demand Angeboten, die sich an der Nachfrage orientieren.

Selfie von mir an der Mobilitätsstation Vechta, dem Bahnhof in der Kreisstadt Vechta.

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